Grönland heißt übersetzt „grünes Land“ – dabei liegen rund 80 Prozent der Insel unter einem bis zu drei Kilometer dicken Eispanzer. Der Name geht auf den Wikinger Erik den Roten zurück. Ob er dabei grüne Wiesen vor Augen hatte oder vor allem Siedler anlocken wollte, erzählen die alten Quellen recht deutlich.
Erik der Rote und die Namensgebung
Erik Thorvaldsson, genannt Erik der Rote, stammte aus Norwegen und lebte auf Island. Um 982 wurde er dort nach tödlichen Streitigkeiten für drei Jahre geächtet. Er segelte nach Westen zu einem Land, das isländische Seefahrer zuvor gesichtet hatten, und erkundete in diesen drei Jahren die Fjorde an der Südwestküste.
Nach seiner Rückkehr nach Island warb er für eine Besiedlung. Die isländische Überlieferung – das Íslendingabók des Ari Þorgilsson aus dem 12. Jahrhundert und die Grænlendinga saga – berichtet, Erik habe das Land Grönland genannt, weil die Leute umso lieber dorthin ziehen würden, wenn es einen guten Namen habe. Der Name war also auch Werbung.
Ganz geflunkert war er aber nicht. In den geschützten Fjorden des Südens gibt es im Sommer saftige Wiesen, Weidengebüsch und Birken. Hinzu kam, dass Erik zur Zeit der Mittelalterlichen Warmzeit segelte, in der das Klima im Nordatlantik etwas milder war als in den folgenden Jahrhunderten.
Die Siedlungen der Wikinger
Um 985 oder 986 brach Erik mit 25 Schiffen von Island auf, nur 14 kamen nach der Überlieferung an. Die Siedler gründeten zwei Siedlungsgebiete:
- Ostsiedlung (Eystribyggð) im äußersten Süden, rund um das heutige Qaqortoq und Narsaq. Hier lag Eriks Hof Brattahlíð beim heutigen Qassiarsuk.
- Westsiedlung (Vestribyggð) weiter nördlich bei der heutigen Hauptstadt Nuuk.
Zur Blütezeit lebten in Grönland vermutlich einige Tausend Nordleute. Sie hielten Rinder, Schafe und Ziegen, jagten Robben und Karibus und handelten mit Walrosselfenbein, das in Europa begehrt war. Von hier aus segelte Eriks Sohn Leif Eriksson um das Jahr 1000 nach Nordamerika. Die Kirchenruine von Hvalsey ist das besterhaltene Bauwerk dieser Zeit; 1408 wurde dort die letzte schriftlich belegte Hochzeit gefeiert.
Um 1450 waren die nordischen Siedlungen verlassen. Als Gründe gelten das kältere Klima der Kleinen Eiszeit, der Preisverfall für Elfenbein, die abreißende Verbindung nach Norwegen und Konkurrenz mit den Inuit. Die Kolonien von Erik dem Roten gehören heute als „Kujataa“ zum UNESCO-Welterbe.
Wer lebte vorher auf Grönland?
Erik war bei Weitem nicht der erste Mensch auf der Insel. Archäologen unterscheiden mehrere Kulturen, die aus dem arktischen Kanada einwanderten:
- Saqqaq-Kultur ab etwa 2500 v. Chr. – die ersten bekannten Bewohner.
- Independence-Kulturen im äußersten Norden.
- Dorset-Kultur ab etwa 800 v. Chr.
- Thule-Kultur, die Vorfahren der heutigen Inuit, kam um 1200 n. Chr. aus dem Westen und traf noch auf die Nordleute.
In der Sprache der Inuit heißt Grönland Kalaallit Nunaat – „Land der Kalaallit“ oder „Land der Menschen“. Seit 2009 ist Kalaallisut (Grönländisch) alleinige Amtssprache.
Grönland heute
Mit rund 2,17 Millionen Quadratkilometern ist Grönland die größte Insel der Welt und etwa sechsmal so groß wie Deutschland. Dort leben nur rund 56.000 Menschen, die meisten an der eisfreien Westküste. Die Hauptstadt Nuuk hat knapp 20.000 Einwohner. Politisch ist Grönland ein weitgehend selbstverwalteter Teil des Königreichs Dänemark mit eigener Regierung und eigenem Parlament.
Der Eisschild enthält so viel Wasser, dass der Meeresspiegel weltweit um gut sieben Meter steigen würde, wenn er vollständig schmelzen würde. Die Gletscher verlieren seit Jahrzehnten an Masse; der Ilulissat-Eisfjord, einer der aktivsten Gletscher der Nordhalbkugel, ist UNESCO-Welterbe.
Wie grün ist Grönland wirklich?
Im Süden, wo Erik siedelte, ist es im Sommer tatsächlich grün. Rund um Narsarsuaq und Qassiarsuk weiden Schafe, es wachsen Birken, Weiden, Wacholder und viele Blütenpflanzen, darunter das Breitblättrige Weidenröschen, Grönlands Nationalblume. Bei Narsarsuaq gibt es sogar ein Arboretum mit gepflanzten Nadel- und Laubbäumen. Ein paar Dutzend Schaffarmen betreiben im Süden bis heute Landwirtschaft.
Auch die Tiere Grönlands sind vielfältiger, als der Eispanzer vermuten lässt. An Land leben Eisbären, Polarfüchse, Polarwölfe, Schneehasen, Rentiere (Karibus) und Moschusochsen. Vor den Küsten tummeln sich Robben, Walrosse, Narwale und Buckelwale. Und im kurzen Sommer gibt es erstaunlich viele Insekten: Mücken und Kriebelmücken sind berüchtigt, dazu kommen Hummeln und Schmetterlinge wie der Arktische Bläuling.
Reisen in Eriks Grönland
Wer die Gegend sehen möchte, die dem Land seinen Namen gab, reist in den Süden. Der Flughafen Narsarsuaq liegt nur eine kurze Bootsfahrt von Qassiarsuk entfernt. Dort stehen Nachbauten von Eriks Langhaus und der kleinen Torfkirche, die seine Frau Thjodhild der Überlieferung nach errichten ließ. Weitere Ziele sind die Kirchenruine von Hvalsey bei Qaqortoq und das Bauerndorf Igaliku, wo einst der Bischofssitz Garðar lag.
Die beste Reisezeit ist der Sommer von Juni bis August, wenn die Fjorde eisarm und die Wiesen grün sind. Ausflüge führen zu Eisbergen im Fjord, zu Schaffarmen und zu den Ruinen der Wikingerhöfe, die oft noch als niedrige Steinmauern im Gras zu erkennen sind.
Ein Name mit Folgen
Die Gegenüberstellung von „grünem“ Grönland und „eisigem“ Island gehört zu den bekanntesten Kuriositäten der Geografie. Dabei ist Island wegen des Golfstroms grüner, als sein Name sagt – und den Namen „Eisland“ erhielt es angeblich, weil ein früher Siedler, Flóki Vilgerðarson, im Frühjahr Treibeis in einem Fjord sah. Beide Namen erzählen also mehr über die ersten Besucher als über die Inseln selbst.
Häufige Fragen
Wer hat Grönland seinen Namen gegeben?
Der Wikinger Erik der Rote, der die Südwestküste ab 982 erkundete und ab etwa 985 die ersten nordischen Siedlungen gründete.
Warum heißt Grönland „grünes Land“?
Laut isländischer Überlieferung wählte Erik den Namen, um Siedler anzulocken. In den Fjorden des Südens gibt es im Sommer tatsächlich grüne Wiesen.
Wie heißt Grönland auf Grönländisch?
Kalaallit Nunaat, das bedeutet „Land der Kalaallit“ oder „Land der Menschen“.
Gehört Grönland zu Dänemark?
Ja, Grönland ist ein autonomer Teil des Königreichs Dänemark mit eigener Regierung in Nuuk.



